Mit Abstand Kunst

Flensburger Tageblatt 31.07.2020

In einem Kunstprojekt hatten Jugendliche aus Flensburg die Möglichkeit, die Corona-Pandemie zu verarbeiten. 16 Multiplexplatten in der Größe 1,5 x 2 Meter zeugen von den Gedanken, Ängsten und Hoffnungen von 16 jungen Menschen zwischen 13 und 21 Jahren, die sich vier Wochen lang mit dem Thema Corona-Krise auseinandergesetzt haben. 16 Bilder, die nicht unterschiedlicher sein könnten und die vielfältigen Aspekte der Pandemie mit all ihren Einschränkungen, Auswirkungen und Bedrohungen darstellen. Als alles verbindendes Element tanzen bunte Corona-Viren über sämtliche Motive, die vom Graffiti-Künstler Holger Klein (Artworks) nachträglich eingefügt wurden.

Soziale Isolation und verstörende Meldungen

Initiiert wurde das Projekt „Mit Kunst aus der Krise – Mit Abstand Kunst“ von den Mitarbeitern von „Jugend stärken im Quartier“/ ZAPP, die in den vergangenen Monaten hautnah miterlebten, wie sehr das Virus-Geschehen die Kinder und Jugendlichen belastet hat. Soziale Isolation, verstörende Meldungen in den Medien und das Fehlen von Normalität, haben in den jungen Seelen neue und manchmal auch beängstigende Denkprozesse in Gang gesetzt. In Kooperation mit dem Kinder- und Jugendbüro, dem Flensburger Jugendring e.V. und dem Team des Jugendtreffs Exxe wurde versucht, das bedrohliche Thema Corona reflektierend künstlerisch aufzuarbeiten. Jeweils zwei bis drei junge Künstler durften sich gleichzeitig in den Räumen der Exxe aufhalten, um ihren Gedanken und Gefühlen durch Farbe Ausdruck zu verleihen. Eine von ihnen ist Michelle (19), die eigentlich selten malt. Ich war so genervt von Corona, weil kein normales Leben oder Arbeiten möglich ist, da fand ich die Idee mit den Bildern ganz gut und hab gemalt, was mir auf der Seele liegt.“ Herausgekommen ist ein Regenbogen mit einer Friedenstaube und der Aufruf „Kein Krieg auf der Welt wegen Corona“. Was Michelle in den Nachrichten mitbekommen hat, machte ihr Angst, Angst vor einem dritten Weltkrieg und Angst vor Versorgungsengpässen in allen Lebensbereichen. „Die Lage auf der Welt wird immer ernster und ich wünsche mir eigentlich nur Frieden“, sagt sie traurig.

Um Krieg und Gewalt geht es auch auf dem Bild von Ahmad. Der 21-jährige Syrer malte seine Mutter und seine Schwester im Flüchtlingslager, die ihren Blick auf zwei Soldaten richten. Einer von ihnen ist verletzt, einer schwer bewaffnet und über der Szene schweben zwei Hände die symbolisieren, wie sich das Corona-Virus und der blutige Krieg die Hand schütteln.

Auch schöne Erinnerungen verarbeitet

In schönen Erinnerungen schwelgt dagegen der 17-jährige Diego, der die Disco malte, die ihm in den vergangenen Monaten so sehr fehlt. Das Motiv von Hanna (13) zeigt drei junge Menschen verschiedener Hautfarben, die sich unter dem Schriftzug „All Lifes matter“ an den Händen halten. Auch eine bunte Weltkugel mit Maske und ein ziemlich genervter gelber Minion mit Mund-, Nasenschutz sind zu sehen sowie ein Mann im gelben Seuchenanzug, der Klopapierrollen am Gürtel trägt. Seine ganz persönlichen, privaten Probleme zeigt das Bild von Jasper (19), der die Umrisse der Grenzregion Deutschland – Dänemark gezeichnet hat. Direkt am Grenzverlauf ist das Datum 2.4.2020 eingetragen. „Das war der Tag, an dem ich meine Freundin heimlich an der grünen Grenze Schusterkate getroffen habe, denn sie lebt in Dänemark und wir konnten uns seit der Schließung der Grenze nicht mehr sehen.“ Sieben Wochen lang gab es für das frischverliebte Paar nur Telefonanrufe per Facetime oder Skype, doch die Beziehung hat gehalten und die beiden können sich nun endlich wieder in die Arme nehmen.

„Wir würden uns wünschen, dass wir diese Bilder auch öffentlich zeigen könnten“, schließt Helge Affeldt, Leiter des Jugendrings, den Open-air-Rundgang durch die Bildersammlung ab. „Leider können wir die Ausstellung nicht hier draußen vor der Exxe hängen lassen, denn die Platten sind aus Holz und wir befürchten Vandalismus. Ein öffentlich zugänglicher Raum, wie die Bürgerhalle wäre toll, vielleicht ergibt sich in nächster Zeit noch eine Möglichkeit zur Präsentation“, meint er hoffnungsvoll.